Wer hier oben steht, spürt es sofort: Diese Stille ist keine gewöhnliche. Auf 1.094 Metern über dem Meeresspiegel, mitten im Hochschwarzwald, erhebt sich die Martinskapelle bei Furtwangen – ein schlichter Steinbau, der mehr Geschichte in seinen Mauern trägt, als man ihm auf den ersten Blick zutraut. Kein Prunk, kein Lärm. Nur Wald, Wind und ein leises Gefühl, dass dieser Ort schon sehr lange besteht.
Eine der ältesten Christlichen Stätten im Schwarzwald
Vermutlich stand hier bereits im 9. Jahrhundert eine kleine Holzkapelle – eine Raststation für Mönche des Klosters St. Gallen, die auf beschwerlichen Wegen durch das Mittelgebirge zogen. Die Geschichte der Martinskapelle reicht damit bis um das Jahr 800 zurück, was sie zu einer der ältesten christlichen Stätten im Hochschwarzwald macht. Der heutige Steinbau entstand im Kern um 1450, in der Blütezeit der Spätgotik. Nach Jahrhunderten des Verfalls wurde die Kapelle um 1900 renoviert und zwischen 1995 und 1997 umfassend saniert – behutsam, respektvoll, so dass der Charakter erhalten blieb.
Im Inneren empfängt einen das Altarbild des Heiligen Martin, dem Schutzpatron der Reisenden und Wanderer. Ein stiller Wink an alle, die hier vorbeikommen.
Die Europäische Wasserscheide – Ein Dach, zwei Meere
Was die Martinskapelle an der Donauquelle so einzigartig macht, ist ihre Lage auf der Europäischen Hauptwasserscheide. Kein geografisches Konstrukt, sondern physisch erfahrbar: Der Regen, der auf die westliche Dachseite fällt, findet seinen Weg über die Elz in den Rhein – und endet in der Nordsee. Das Wasser der östlichen Dachseite dagegen fließt über die Breg in die Donau – bis ins Schwarze Meer. Ein einziges Gebäude, das zwei Kontinentalschicksale teilt. Kaum irgendwo sonst lässt sich Europas Wasserscheide im Schwarzwald so greifbar erleben.
Die Bregquelle – Die geografische Donauquelle liegt nebenan
Nur rund 200 Meter entfernt, beim Kolmenhof, sprudelt die Bregquelle – die geografische Donauquelle im Schwarzwald. Wer an der Martinskapelle Halt macht, sollte diesen kurzen Abstecher nicht auslassen. Hier beginnt einer der längsten Ströme Europas, unscheinbar und leise, als würde er die Größe, die vor ihm liegt, noch nicht ahnen.
Günterfelsen und Westweg – Rund um die Kapelle entdecken
Etwa 1,5 Kilometer entfernt warten die Günterfelsen: mächtige Granitblöcke, geformt durch Jahrmillionen der Wollsackverwitterung, die aus dem Waldboden ragen wie schlafende Riesen. Manche lassen sich erklettern – der Ausblick belohnt jeden Schritt.
Die Martinskapelle ist zugleich ein markanter Orientierungspunkt auf der 8. Etappe des Westwegs, einem der bekanntesten Fernwanderwege Deutschlands. Wer den Schwarzwald von Nord nach Süd durchquert, passiert sie zwangsläufig – und bleibt meistens länger als geplant.
Sommer, Winter, immer einen Besuch wert
Im Winter wird die Kapelle zum Ausgangspunkt für den Fernskiwanderweg Schonach–Belchen. Schnee liegt hier oben oft bis weit in den Frühling hinein. Im Sommer zieht der Ort Mountainbiker und Wanderer an, die von der Wilhelmshöhe oder vom Brend heraufkommen.
Ein letzter Tipp: In der Kapelle liegt oft ein Wanderbuch aus. Wer möchte, trägt sich ein – eine schlichte, schöne Tradition, die zeigt, dass dieser Ort Menschen seit Jahrhunderten verbindet.