Wer durch die Wehratalschlucht gewandert ist, kennt das Gefühl: enger Fels, tosende Wildheit, das Rauschen des Wassers als ständiger Begleiter. Und dann – fast abrupt – öffnet sich das Tal. Der Blick weitet sich. Vor einem liegt die Wehratalsperre, ruhig und gewaltig zugleich, auch bekannt als Stausee Wehr. Ein Ort, der Natur und Ingenieurskunst auf beeindruckende Weise vereint. 

Die Staumauer – 40 Meter Beton, unendlich viel Perspektive 

Der Wanderweg führt direkt über die Krone der 40 Meter hohen Staumauer – und dieser Moment hat etwas Theatralisches. Auf der einen Seite das weite, spiegelnde Wasser des Stausees. Auf der anderen ein Tiefblick zurück in die wilde Wehratalschlucht, aus der man gerade herausgetreten ist. Der Kontrast könnte kaum größer sein. 

Auf der Mauerkrone warten Informationstafeln, die erklären, was sich unsichtbar im Berg verbirgt: das Kavernenkraftwerk Wehr, eines der leistungsstärksten Pumpspeicherwerke Deutschlands

Unter Tage: Das Kavernenkraftwerk Wehr 

Was außen unscheinbar wirkt, ist innen ein technologisches Meisterwerk. Die gesamte Maschinenhalle des Kraftwerks wurde in den Fels gesprengt – 219 Meter lang, 19 Meter breit, 35 Meter hoch. Vier Francisturbinen erzeugen eine Spitzenleistung von rund 910 Megawatt und stabilisieren damit maßgeblich das deutsche Stromnetz. 

Das Prinzip dahinter ist so simpel wie faszinierend: Bei Stromüberschuss pumpt das Werk Wasser aus dem Wehrabecken durch einen 1,3 Kilometer langen Druckstollen hinauf ins Hornbergbecken – satte 625 Höhenmeter. Wird der Strom gebraucht, stürzt das Wasser zurück und treibt die Generatoren an. Ein gigantischer Akku aus Wasser, verborgen im Schwarzwälder Granit. 

Betrieben wird das Ganze von der Schluchseewerk AG, die nach Voranmeldung auch Gruppenführungen durch den Zufahrtsstollen in die unterirdische Kaverne anbietet – ein absolutes Highlight für alle, die Technik nicht nur lesen, sondern erleben wollen. 

Der Rundweg – wo Jogger, Spaziergänger und Wasservögel friedlich koexistieren 

Wer den Stausee Wehr lieber im gemächlichen Tempo kennenlernen möchte, findet rund um den See einen flachen, rund 6 Kilometer langen Rundweg. Er ist bei Joggern ebenso beliebt wie bei Familien am Wochenendausflug. Nach der engen Schlucht wirkt das weite, glatte Wasser fast meditativ – und nicht selten tauchen Wasservögel auf, die das Ufer in aller Ruhe absuchen. 

Wichtig: Baden und Wassersport sind im gesamten Stauseebereich streng verboten. Der Kraftwerksbetrieb erzeugt starke, unsichtbare Strömungen – das Verbot ist absoluter Ernst. 

Etappe 6 des Schluchtensteigs – fast am Ziel 

Die Wehratalsperre markiert auf dem Schluchtensteig den Übergang von der Wildnis in die Zivilisation. Von der Staumauer sind es noch rund 3 Kilometer – etwa 45 Minuten – bis zum offiziellen Zielstein mitten in der Stadt Wehr. Der letzte Abschnitt: flach, entspannt, mit dem guten Gefühl im Gepäck, die Schlucht bezwungen zu haben. 

Mehr Informationen zur Schluchtensteig Etappe 6

Das Hornbergbecken – der Balkon des Hotzenwaldes 

Wer Zeit und Kondition hat, sollte den steilen Abstecher auf den Öflesberg (Dachsberg) nicht scheuen. Dort oben, auf 1.050 Metern über dem Meeresspiegel, liegt das Hornbergbecken – das Oberbecken des Pumpspeicherwerks und eines der am höchsten gelegenen Kunstgewässer Deutschlands. 

Die Dammkrone lässt sich auf einem rund 1,7 Kilometer langen Rundweg vollständig umrunden. Was man dabei sieht: auf der einen Seite das tiefblaue Wasser, auf der anderen den steilen Abfall ins Tal – und rundum einen 360-Grad-Panoramablick, der den Feldberg im Norden, das Wehratal in der Tiefe und bei klarer Sicht die gesamte Schweizer Alpenkette im Süden zeigt. 

Wer das Alpenglühen erleben will, sollte den Abend hier oben einplanen. Wenn die Sonne versinkt, spiegelt sich der Himmel im stillen Wasser, während die Alpen rosa aufleuchten. Kaum ein Ort im Schwarzwald bietet dieses Schauspiel so ungestört wie das Hornbergbecken. 

Das Becken liegt nicht direkt am Schluchtensteig, ist aber über einen etwa 3 Kilometer langen Pfad von der Wehratalschlucht erreichbar – oder bequem per Auto bis zum Wanderparkplatz Hornbergbecken. Der Albsteig führt ebenfalls in unmittelbarer Nähe vorbei. 

Auch hier gilt: Kein Baden, kein Wassersport. Die Pumpen erzeugen lebensgefährliche Strömungen, die von außen nicht sichtbar sind. 

Fazit: Ein Ort, der mehr ist als ein See 

Die Wehratalsperre ist kein gewöhnliches Wanderziel. Sie ist Finale, Ruhepunkt und technisches Wunder in einem. Wer hierher kommt, erlebt den Schwarzwald nicht nur als Naturkulisse, sondern als Ort, an dem Natur und menschlicher Erfindungsgeist seit Jahrzehnten Hand in Hand arbeiten – unsichtbar, leise, kraftvoll. 

Author Sunhikes | © Sunhikes
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Sunhikes
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