Dekan Strohmeyer Kapelle: Ein Ort, der schweigt – und trotzdem alles sagt
Die Gedächtniskapelle am Westweg im Südschwarzwald: Wer den Westweg kennt, kennt seine Macher: die langen Aufstiege, den Geruch von Harz und feuchter Erde, das Schweigen des Waldes, das irgendwann zur inneren Ruhe wird. Und dann, auf rund 1.000 Metern Höhe am Heubronner Eck in der Gemeinde Münstertal, steht man plötzlich vor etwas, das dieses Schweigen auf eine ganz andere Weise verdichtet. Die Dekan-Strohmeyer-Gedächtniskapelle – auch Willibald-Strohmeyer-Kapelle genannt – ist kein touristisches Highlight im herkömmlichen Sinne. Sie ist ein Ort, der einen nicht loslässt.
Schwarzwald in großem Kino – der Standort
Die Kapelle liegt direkt an der Etappe 11 (Westvariante) des Westwegs, auf dem Abschnitt vom Wiedener Eck zum Haldenhof. Wer diesen Weg geht, wird belohnt: Das Panorama, das sich am Heubronner Eck auftut, reicht weit über das Münstertal hinaus, über sanft geschwungene Kämme, dunkle Tannenhänge und das stille Auf und Ab der Schwarzwälder Berglandschaft. Man steht dort und begreift, warum Menschen seit Jahrhunderten in diese Höhe aufgestiegen sind – nicht nur um zu wandern, sondern um zu atmen, zu denken, anzukommen.
Die Kapelle ist nur zu Fuß erreichbar, eingebettet in den Rhythmus des Schwarzwald-Fernwanderwegs. In der Nähe liegen der Hohkelch und der Haldenhof – beides Wegmarken, die Orientierung geben, während die Kapelle selbst eine ganz andere Art von Orientierung bietet: eine innere.
Ein Mann, ein Dorf, ein Verbrechen
Um zu verstehen, warum diese Gedenkkapelle im Schwarzwald so besonders ist, muss man zurückgehen – ins Jahr 1945, in die letzten, rasenden Tage des Zweiten Weltkriegs.
Willibald Strohmeyer, geboren 1877, war seit 1910 Pfarrer in St. Trudpert im Münstertal. Kein weltfremder Kirchenmann hinter Mauern, sondern jemand, der nah an den Menschen war. Volksverbunden, klug, mit einem Gespür für das, was richtig ist – auch dann, wenn es gefährlich wird. Als der Krieg sich dem Ende näherte und die Front immer näher rückte, setzte Strohmeyer sich für eine kampflose Übergabe des Münstertals ein. Er wollte das Dorf retten, das Kloster bewahren, Menschenleben schonen.
Das kostete ihn das Leben.
Karfreitag, 1945
Am 30. März 1945 – Karfreitag – wurde Dekan Strohmeyer von SS-Männern verhaftet. Der Vorwurf: „Defätismus". Ein Wort, das in den letzten Kriegswochen zur Todeswaffe wurde. Wer am Endsieg zweifelte, wer zur Vernunft aufrief, wer Menschlichkeit über Fanatismus stellte, riskierte alles.
In der Nacht zum Karsamstag verschleppten ihn SS-Leute in ein Waldstück am Heubronner Eck – genau dort, wo heute der Westweg an der Kapelle vorbeiführt. Er wurde hinterrücks durch Genickschüsse ermordet. Seine Leiche fand man erst Wochen später in einem flachen Grab. Die französischen Truppen, auf deren Einmarsch er gehofft hatte, rückten kurz danach ein.
1955: Die Kapelle entsteht
Zehn Jahre nach dem Verbrechen wurde 1955 die Gedächtniskapelle an eben jener Stelle errichtet, wo das Verbrechen geschah. Ein kleines Bauwerk, kaum zu übersehen – und doch unmöglich zu ignorieren, wenn man davor steht. Sie ist kein Monument der Macht, sondern ein Ort der Stille, des Gebets und der Besinnung, wie ihn der Schwarzwald selten kennt.
Im Münstertal wird das Andenken an Willibald Strohmeyer bis heute hochgehalten. Man nennt ihn oft den „Märtyrer des Münstertals" – einen Mann, der nicht durch Heldenposen, sondern durch schlichte menschliche Haltung in die Geschichte einging.
Wandern mit Geschichte im Rücken
Viele Wanderer auf dem Westweg wissen nicht, was sie erwartet, wenn sie am Heubronner Eck ankommen. Manche legen eine Schweigeminute ein. Andere blättern im Gedenkbuch, das in der Kapelle ausliegt, und lesen Zeilen von Menschen, die dasselbe Innehalten gespürt haben. Die Einträge kommen aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, aus Frankreich – Menschen, die einen Wanderurlaub im Schwarzwald gebucht haben und plötzlich mit Geschichte konfrontiert sind, die unter die Haut geht.
Die Dekan-Strohmeyer-Kapelle am Westweg ist kein Umweg, keine Nebensache. Sie ist ein Herzstück dieser Route – ein Moment, in dem Wandern und Erinnern eins werden.
Hinweise für die Planung
Wer die Etappe 11 des Westwegs plant – von Wiedener Eck über das Heubronner Eck zum Haldenhof –, sollte Zeit für diesen Stopp einrechnen. Nicht viel. Aber genug, um anzukommen. Die Kapelle ist ausschließlich zu Fuß über Wanderwege erreichbar; Parkplätze gibt es nicht in unmittelbarer Nähe. Als Nachbarstationen dienen der Hohkelch und der Haldenhof, die beide auch als Einkehr- bzw. Orientierungspunkte taugen.
Sunhikes beschreibt diesen Abschnitt detailliert als Teil der Etappe zum Haldenhof/Kandern – ein guter Ausgangspunkt für die Tourenplanung.
Ein stiller Ort, der bleibt
Es gibt Orte, die man besucht, fotografiert und wieder vergisst. Und es gibt Orte, die sich einbrennen – nicht wegen ihrer Schönheit allein, sondern wegen dem, was sie tragen. Die Willibald-Strohmeyer-Kapelle auf dem Westweg im Südschwarzwald gehört zur zweiten Kategorie.
Sie steht auf 1.000 Metern Höhe, umgeben von Wald und Stille, mit Blick über das Münstertal – und sie erinnert daran, dass Haltung manchmal alles ist. Dass ein einzelner Mensch, der das Richtige tut, in Erinnerung bleiben kann, lange nachdem die Mächtigen vergessen sind.
Wandern auf dem Westweg heißt auch: Geschichte gehen. Hier, am Heubronner Eck, versteht man das.
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