Wer auf dem Westweg unterwegs ist, kennt das Gefühl: Nach Stunden im Wald taucht plötzlich ein Städtchen auf, das einem nicht mehr so schnell loslässt. Kandern im Markgräflerland ist so ein Ort. Hier riecht es nach Holzrauch, nassem Ton und – wenn man Glück hat – nach frisch gebackenem Kuchen aus einem der Cafés am Marktplatz. Ein Stopp, der sich lohnt. Garantiert. 

Die Töpferstadt: Wo Handwerk zur Kunst wird 

Man nennt Kandern nicht ohne Grund das „Töpferstädtle". In den Gassen dieses Schwarzwald-Städtchens finden sich Ateliers und Werkstätten, die das Handwerk seit Generationen lebendig halten. Das Heimat- und Keramikmuseum Kandern erzählt dabei nicht nur die Geschichte des Tons, sondern auch die der ganzen Region – inklusive der dramatischen Schlacht bei Schliengen von 1796, bei der Erzherzog Karl von Österreich die französischen Revolutionstruppen unter General Moreau zurückschlug. Kanonenkugeln und Ausrüstungsgegenstände aus dieser Zeit sind noch heute zu besichtigen. 

Dass ausgerechnet August Macke, einer der bedeutendsten deutschen Expressionisten, hier Zeit verbrachte und die Töpfereien in seinen Skizzen verewigte, sagt viel aus über die Ausstrahlung dieses Ortes. Jedes Jahr zieht der Internationale Keramikmarkt Kandern Kunsthandwerker und Liebhaber aus ganz Europa an – ein Fest für alle, die mehr suchen als Massenware. 

Kandertalbahn „s'Chanderli": Volldampf durchs Tal 

Es gibt Momente, in denen die Zeit einfach stehen bleibt. Einer davon ist der Anblick der historischen Kandertalbahn, wenn sie mit einem weißen Dampfstoß aus dem Bahnhof rollt. „S'Chanderli" – so nennen die Einheimischen ihre geliebte Museumsbahn zärtlich – ist eine der letzten Dampfeisenbahnen in Baden-Württemberg und seit 1895 Teil der regionalen Seele. 

Von Mai bis Oktober schnauft die Bahn an jedem Sonntag sowie an Feiertagen wie dem 1. Mai und Vatertag über die 13 Kilometer lange Strecke von Kandern bis nach Haltingen – mit Halt in Hammerstein, Wollbach, Wittlingen, Rümmingen und Binzen. Eine einfache Fahrt dauert rund 45 Minuten und fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise. 

Fahrplan 2026 (1. Mai – 25. Oktober, sonntags & Feiertage) 

Ab Kandern: 09:10 · 13:00 · 16:00 Uhr Ab Haltingen: 10:15 · 14:15 · 17:00 Uhr 

Tickets gibt es direkt am Bahnhof Kandern oder am Bahnhäuschen in Haltingen – jeweils etwa 30 Minuten vor Abfahrt. Online-Reservierungen sind erst ab Gruppen von 10 Personen möglich. Viele Züge führen einen Barwagen mit, was die Fahrt gleich noch geselliger macht. Bei extremer Trockenheit kann aus Brandschutzgründen eine historische Diesellok zum Einsatz kommen – Charme hat auch sie. 

Wolfsschlucht: Natur, die einen sprachlos macht 

Nur wenige Gehminuten vom Ortszentrum entfernt wartet ein Naturdenkmal, das man so nicht erwartet: die Wolfsschlucht Kandern. Bizarre Felsformationen aus Jurakalk türmen sich hier auf, manche sehen aus wie versteinerte Gesichter, andere wie Gestalten aus einem alten Märchen. Der Westweg führt auf seiner vorletzten Etappe direkt hindurch – wer also auf der Fernwanderstrecke unterwegs ist, bekommt dieses Highlight ganz nebenbei geschenkt. 

Marktplatz & Blumenplatz: Ankommen und Durchatmen 

Das Herz von Kandern schlägt am Marktplatz. Historische Gasthöfe wie der „Goldene Engel" und gemütliche Cafés laden ein, die Beine hochzulegen und das Treiben zu beobachten. Wer zuvor von der Sausenburg abgestiegen ist, wird den Blumenplatz zu schätzen wissen – ein hübscher, ruhiger Ort zum Verschnaufen, der genau das richtige Tempo für dieses Städtchen hat. 

Golf & Weinberge: Das Beste der Region 

Sporttreibende kommen rund um Kandern ebenfalls auf ihre Kosten. Der Golfplatz Kandern am Wasserschloss Schopfheim gilt als einer der schönsten in ganz Süddeutschland, eingebettet in die sanfte Hügellandschaft des Markgräflerlands. Rundherum ziehen sich die Weinberge, aus denen einer der charaktervollsten deutschen Weißweine entsteht: der Gutedel. Wer in Kandern übernachtet, sollte ihn unbedingt probieren – am besten auf einer Terrasse mit Blick in die Rebzeilen. 

Kandern Geschichte: Eisen, Revolution & Ton 

Was Kandern heute ist, wurde über Jahrhunderte geformt. Im Mittelalter war die Stadt ein Zentrum des Bohnerz-Abbaus – schon die Römer wussten, dass die Erde hier Schätze birgt. Das Eisen wurde in den Schmelzwerken des Markgräflerlands verarbeitet; alte Bergwerksschächte in den umliegenden Wäldern erinnern noch heute daran.  

Als das Erz erschöpft war, besann man sich auf den Ton – und damit begann der Aufstieg zur Töpferstadt. Parallel dazu schrieb Kandern politische Geschichte: Im Revolutionsjahr 1848 zog Friedrich Hecker mit seinem berühmten „Heckerzug" durch die Stadt. Am nahen Scheideck-Pass unterlagen die Aufständischen den Regierungstruppen – ein Kapitel, das bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses ist. 

Die enge Verbindung zur Burg Rötteln und zur Sausenburg schließt diesen historischen Bogen: Lange gehörte Kandern zum Herrschaftsgebiet der Herren von Rötteln, und wer die Ruinen besucht, versteht, wie tief die Geschichte dieser Landschaft verwurzelt ist.

Fazit: Kandern ist mehr als ein Etappenziel 

Kandern im Schwarzwald ist kein Ort, den man einfach durchquert. Es ist ein Ort, an dem man bleibt – zumindest eine Nacht länger als geplant. Töpferkunst, Dampfbahn, Naturdenkmäler, Geschichte und ein Glas Gutedel beim Sonnenuntergang: Das ist Kandern. Und das ist mehr als genug. 

Author Sunhikes | © Sunhikes
Ein Beitrag von
Sunhikes
Redaktions-Team